Frau Künast, eigentlich sind sie der breiten Öffentlichkeit ja als Politikerin bekannt. Wie kam Ihnen die Idee, ein Buch über das Urban-Gardening und Urban-Agriculture zu schreiben?

Auf die Idee für einen Reiseführer zu Projekten des Urban-Gardening und Urban-Agriculture kam ich, als mir auffiel, dass es sich hier „nicht nur“ um einige Projekte in Städten handelt – wie in den Anfängen der Community Projekte in den USA. Zum einen erlebte ich, wie viel Spaß es macht, den Kaffee oder Imbiss in einem dieser Projekte einzunehmen. Die wunderbaren Pflanzen – oft habe ich gleich ein paar erstanden – machen Freude und mindestens genauso gut ist es, das frisch geerntete Gemüse auch gleich zu essen. Dazu kommt noch die wunderbare Atmosphäre und die Freude am engagierten Einsatz für Artenvielfalt, die man ja vor Ort erleben kann. Aber nach und nach merkte ich, dass hier systematisch eine richtige Graswurzelbewegung heranwächst, die Antworten auf aktuell drängende Fragen gibt.

Können Sie uns schonmal etwas zum Inhalt von Rein ins Grüne – Raus in die Stadt sagen?

Das Buch ist noch viel mehr als ein Buch über die modernsten Gärten. Es zeigt auf, dass hier weitere Aufgaben bearbeitet werden: Artenvielfalt, Nahrungsangebote für bestäubende Insekten, gute Böden/ Humus, CO2-Speicherung und Klimaschutz sind das Eine. Soziale Projekte sind ebenfalls vertreten, wie insbesondere in Andernach und Bremen, wo Langzeitarbeitslose oder Menschen mit Behinderungen eine Tätigkeit finden.

Was konnten sie bei der Arbeit in diesem Buch-Projekt persöhnlich für sich mitnehmen?

Ich habe zudem gelernt, dass es hier bei sehr vielen nicht mehr nur um Gruppen geht, die auf einer abgegrenzten Fläche arbeiten. Vielmehr sind die Projekte wesentlicher Bestandteil einer Debatte über Lebensqualität in den Städten der Zukunft. Sie schaffen Freiräume für Aktivitäten und Begegnungen und sie sind erst der Anfang einer Debatte über Stadtgrün in Zeiten des Klimawandels.

Wie hat sich, Ihrer Meinung nach, die Wahrnehmung in den Städten in Bezug auf Lebensmittel gewandelt?

Auffallend ist, dass Städte immer mehr zum Player werden. Und zwar nicht über die üblichen Beteiligungsstrukturen, sie machen einfach. Essbare Städte, Biostädte, die ihre Gemeinschaftsverpflegung systematisch umstellen und viele andere Initiativen zeigen, dass die Verbraucher in den Städten die Entfremdung von den Lebensmitteln aufheben wollen. Sie wollen wissen, wie und wo angebaut wurde. Die Projekte in dem Buch zeigen das eindrücklich. Und es ist erst der Anfang, denn die internationale Vernetzung vieler Großstädte hat gerade erst begonnen. Die Städte und ihre Bewohner sind sich ihrer Aufgabe offenbar bewusst.

Was gefällt Ihnen an den dargestellten Gärten ganz besonders?

Am meisten gefällt mir an den Gärten die Mischung. Ein jeder Garten findet seinen Besucher für einen bestimmten Zweck. Für diesen Sommer freue ich mich auf den Frühjahrs-Pflanzenmarkt in der Annagende in Leipzig, auf die Ausdehnung der Gemüsewerft in Bremen, die eine neue Fläche an der Weser bekommt und auf den Pionier Andernach.

In Ihrem Buch werden dem Leser auch zahlreiche Kochrezepte vorgestellt. Haben Sie einen Favoriten?

Das Buch bietet Ausflugsziele und Ruheoasen für Stadtbesuche, aber eben auch tolle Rezeptideen, fast alles was im Garten wächst und für einige Wochen im Überfluss vorhanden sein wird. Ich freue mich speziell aufs Weingelee, die zwei Kisten eigene Weintrauben kann ich so besser bewältigen, bevor ich die Resternte sowie den Amseln überlasse.

Welche Prognose können Sie für die Zukunft des urbanen Gärtnern geben?

Über allem steht für mich der Eindruck, dass so viele Menschen sich für Vielfalt engagieren und dabei noch einen schönen Treffpunkt für das Miteinander gefunden haben. Wunderbar. An der Idee des Urban-Gardening werden Stadtteile in Zukunft gemessen werden. Grün statt Grau.