„Gesundheit beginnt nicht erst im Krankenhaus“: Christine Nickl-Weller im Gespräch vor dem Best of Architecture Summit 2026
Räume können heilen – dieser Gedanke ist untrennbar mit dem Namen Christine Nickl-Weller verbunden. Als Mitbegründerin prägt die Architektin seit 1989 die inhaltliche und strategische Ausrichtung von Nickl & Partner Architekten, seit 2019 als Aufsichtsratsvorsitzende, zuvor langjährig als Vorstandsvorsitzende. International gilt sie als eine der führenden Stimmen im Gesundheitsbau und hat den Ansatz der „Healing Architecture“ maßgeblich mitentwickelt – die Überzeugung, dass heilungsfördernde, menschenzentrierte Räume Architektur und Städtebau von Grund auf verändern. In Forschung, Lehre und Praxis verbindet sie architektonische Qualität mit wissenschaftlicher Tiefe und gesellschaftlicher Verantwortung. Von 2004 bis 2017 war sie Professorin an der TU Berlin im Fachgebiet „Entwerfen von Krankenhäusern und Bauten des Gesundheitswesens“. Christine Nickl-Weller studierte Architektur an der Technischen Universität München. Vor ihrem Panel „Schule, Gesundheit, Gemeinschaft: Architektur als öffentlicher Auftrag“ hat sie vorab drei Fragen im Interview beantwortet.
Sie haben mitentwickelt, was heute als Healing Architecture gilt – die Idee, dass Räume selbst zur Genesung beitragen. Lässt sich dieses Prinzip auch auf Schulen und Gemeindezentren übertragen, oder braucht es dort einen ganz anderen Denkansatz?
C. Nickl-Weller: „Gesundheit beginnt nicht erst im Krankenhaus. Sie entsteht wesentlich dort, wo wir unsere alltäglichen Lebensräume gestalten. Healing Architecture war für uns deshalb nie ausschließlich als Krankenhausarchitektur gedacht. Im Kern steht vielmehr eine universelle Frage: Welche räumlichen Voraussetzungen braucht der Mensch, um sich sicher, orientiert, selbstbestimmt und aufgehoben zu fühlen? Im Krankenhaus stellt sich diese Frage mit besonderer Dringlichkeit, weil Menschen sich dort häufig in Situationen großer Verletzlichkeit befinden. Die grundlegenden räumlichen Bedürfnisse sind jedoch keineswegs auf den Gesundheitsbau beschränkt. Tageslicht und Orientierung, ein menschlicher Maßstab, Rückzugsmöglichkeiten, der Bezug zur Natur und Räume der Begegnung sind ebenso wesentlich für Schulen, Hochschulen oder Gemeindezentren. Im Gesundheitsbau haben wir gelernt, dass Architektur Stress reduzieren, Identifikation ermöglichen und Autonomie stärken kann. Diese Erkenntnisse sollten nicht an der Schwelle des Krankenhauses enden. All diese Typologien sind Bestandteile einer Stadt, die im besten Sinne gesund, resilient und sozial funktionsfähig sein sollte. Das zeigt sich beispielsweise beim Campus Derendorf in Düsseldorf. Natürliche Belichtung, eine klare Wegeführung, offene und modular organisierte Lernbereiche sowie gemeinschaftsfördernde Zonen schaffen dort eine Lernlandschaft, in der Bildung nicht als isolierter Vorgang, sondern als sozialer und kommunikativer Prozess verstanden wird. Der grüne Campusplatz bildet das kommunikative Zentrum, um das sich Bibliothek, Mensa, Hörsäle und Institute gruppieren. Architektur erzeugt hier nicht nur Raum, sondern Gemeinschaft. Die Typologie verändert sich – die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen tun es nicht. Vielleicht sollten wir deshalb Healing Architecture weniger als eine ausschließlich medizinische Kategorie verstehen, sondern umfassender als eine Architektur, die Gesundheit erhält, unterstützt und präventiv wirksam wird. Denn gute Architektur sollte nicht erst dort beginnen, wo Krankheit bereits entstanden ist.“
Sie haben Healing Architecture in Forschung und Lehre verankert, nicht nur in der Praxis. Was fehlt in Deutschland noch an belastbarer Evidenz, um Bauherren und Kommunen von menschenzentrierten Räumen zu überzeugen?
C. Nickl-Weller: „Wir müssen heute nicht mehr grundsätzlich beweisen, dass gebaute Räume auf den Menschen wirken. Dazu verfügen wir inzwischen über ein breites Wissen aus Neurowissenschaften, Architekturpsychologie und Evidence-based Design. Wir wissen sehr viel über die Wirkung von Tageslicht, Orientierung, Lärm, Naturbezug oder räumlicher Autonomie auf Stress, Wohlbefinden und menschliches Verhalten. Was uns in Deutschland allerdings noch fehlt, ist eine konsequente und systematische Überführung dieser Erkenntnisse in belastbare, vergleichbare Daten aus realisierten Gebäuden. Wir benötigen wesentlich mehr Post-Occupancy-Evaluation, also eine wissenschaftlich fundierte Betrachtung dessen, was zwei, fünf oder zehn Jahre nach der Fertigstellung tatsächlich geschieht. Wie wirken sich räumliche Qualitäten auf Krankenstände und Mitarbeiterbindung aus? Auf Patientenzufriedenheit, Stressbelastung und Orientierung? Und welche ökonomischen Konsequenzen ergeben sich daraus über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes? Genau aus diesem Grund haben wir Healing Architecture seinerzeit nicht nur als entwurfliche Haltung verstanden, sondern ebenso in Forschung und Lehre verankert. An der TU Berlin gehörten evidenzbasierte Designforschung und Architekturpsychologie zu diesem Ansatz. Auch die Hans und Christine Nickl Stiftung verfolgt ausdrücklich das Ziel, die noch immer unzureichend erforschten Wechselwirkungen zwischen Architektur und menschlichem Wohlbefinden stärker in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen. Entscheidend ist dabei, dass Menschenzentrierung und Wirtschaftlichkeit keine Gegensätze sind. Im Gegenteil: Räumliche Qualität beeinflusst die Zufriedenheit und Bindung von Mitarbeitenden; Fehlzeiten, Fluktuation und mangelnde Attraktivität als Arbeitsplatz besitzen ihrerseits eine sehr konkrete wirtschaftliche Dimension. Wir sollten die Diskussion deshalb neu formulieren. Nicht: „Was kostet uns diese räumliche Qualität zusätzlich?“ Sondern: „Welche langfristigen gesellschaftlichen und ökonomischen Kosten entstehen, wenn wir auf sie verzichten?““
Das Panel fragt: Was schulden wir einander als Gesellschaft, und was schuldet uns Architektur zurück? Wie beantworten Sie das aus der Perspektive jemandes, der sein Berufsleben dem Gesundheitsbau gewidmet hat?
C. Nickl-Weller: „Die Qualität einer Gesellschaft zeigt sich in besonderem Maße darin, wie sie mit Menschen in Situationen der Verletzlichkeit und Abhängigkeit umgeht – mit Kranken, mit Kindern und älteren Menschen, aber ebenso mit Menschen, die täglich Verantwortung für andere übernehmen. Was wir einander schulden, ist zunächst einmal Würde. Würde ist für mich keineswegs ein abstrakter oder rein moralischer Begriff. Sie manifestiert sich ganz konkret im Raum. Darin, ob ein Patient sich selbstständig orientieren kann. Ob ein Kind im Krankenhaus trotz seiner Erkrankung Kind bleiben darf. Ob Angehörige einen angemessenen Ort des Verweilens finden. Und ob eine Pflegekraft nach einer belastenden Situation die Möglichkeit hat, sich für einen Moment zurückzuziehen und neue Kraft zu schöpfen. Beim Shenzhen Children’s Hospital Longhua Campus etwa geht es deshalb darum, die Kinderklinik gerade nicht als hermetisch abgeschlossene medizinische Maschine zu verstehen. Helle Innenräume, Spiel- und Aufenthaltsbereiche, begrünte Freiflächen und wohnlich gestaltete Patientenzimmer sollen Sicherheit vermitteln, Ängste reduzieren und dem Krankenhaus ein Stück Alltäglichkeit zurückgeben. Beim Kantonsspital Baden wiederum verbinden sich elf begrünte Innenhöfe, Tageslicht, natürliche Materialien und klar lesbare Raumfolgen mit einer hochdigitalisierten Infrastruktur. Technologischer Fortschritt und menschliche Zuwendung dürfen keine Gegensätze sein, denn ein Krankenhaus ist heute weit mehr als ein Funktionsgebäude. Es ist zugleich Infrastruktur, Arbeitswelt, Lebensraum und Teil des öffentlichen Raumes. Architektur hat die Aufgabe, Orientierung zu geben, Begegnung zu ermöglichen und Menschen gerade in Momenten eingeschränkter Selbstbestimmung ein Stück Autonomie zurückzugeben. Und was schuldet uns Architektur zurück? Sie schuldet uns einen verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen und dem Vertrauen, die eine Gesellschaft in sie investiert. Ihre Aufgabe erschöpft sich nicht darin, Quadratmeter bereitzustellen oder funktionale Abläufe zu organisieren. Sie sollte aus diesen Ressourcen einen tatsächlichen Mehrwert für das menschliche Leben erzeugen. Healing Architecture ist deshalb für mich letztlich weder Stil noch Trend. Sie ist eine Haltung und zugleich eine Verpflichtung gegenüber den Menschen, die in unseren Gebäuden leben, arbeiten und genesen, ebenso wie gegenüber der Gesellschaft, für die und mit der wir bauen.“
Wer beim Best of Architecture Summit am 22. Oktober in München tiefer einsteigen möchte, trifft Christine Nickl-Weller gemeinsam mit Marc Elxnat und Florence Brokowski-Shekete im Panel „Schule, Gesundheit, Gemeinschaft: Architektur als öffentlicher Auftrag“.
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