Identität statt Inszenierung: Susanne Brandherm im Interview

„Eine Marke muss im Raum nicht plakativ sichtbar sein“: Susanne Brandherm im Gespräch vor dem Best of Architecture Summit 2026

Ein Hotelzimmer erzählt seine Geschichte auf den ersten Blick. Ein Büro tut sich damit oft schwerer. Susanne Brandherm kennt beide Welten aus der Praxis. Die Diplom-Ingenieurin studierte Innenarchitektur an der Fachhochschule Detmold und gründete 1999, nach Stationen in renommierten Kölner Innenarchitekturbüros, gemeinsam mit Sabine Krumrey das Büro brandherm + krumrey interior architecture, dessen Kölner Standort sie leitet. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem INsider Award 2013 sowie dem Deutschen Innenarchitekturpreis 2019 des Bundes Deutscher Innenarchitektinnen und Innenarchitekten (bdia). Neben ihrer praktischen Tätigkeit engagiert sie sich in der Lehre: von 2013 bis 2015 als Dozentin an der Hochschule Trier, aktuell mit einem Lehrauftrag an der Hochschule Düsseldorf (PBSA). Seit 2012 ist sie Mitglied des Kuratoriums der Messe architect@work Germany, seit Oktober 2024 Mitglied des Beirats des BDIA NRW, und ab 2026 übernimmt sie das Amt der ehrenamtlichen Vizepräsidentin des bdia. Darüber hinaus ist sie regelmäßig in Jurytätigkeiten, Vortragsreihen und Fachveröffentlichungen aktiv und engagiert sich seit 2002 ehrenamtlich als Vorstandsmitglied der Karl-Bröcker-Stiftung „Zukunft für Kinder“. Vor ihrem Panel „Check-in ins Büro: Was der Arbeitsraum vom Hotel lernen muss“ hat sie vorab drei Fragen im Interview beantwortet.

Susanne Brandherm

Was macht einen Raum zum Erlebnis, das Menschen freiwillig aufsuchen? Als Innenarchitektin arbeiten Sie genau an dieser Schwelle. Was unterscheidet einen Raum, der eine Marke transportiert, von einem, der sie nur behauptet?

S. Brandherm: „Für mich transportiert ein Raum eine Marke nicht nur dadurch, dass wir CI-Farben, Logos oder bestimmte Formen übernehmen. Entscheidend ist vielmehr: Was macht diese Marke, dieses Unternehmen tatsächlich aus – und wie fühlt es sich an? Dabei geht es sehr stark um Unternehmenskultur, Selbstverständnis und die Art, wie dort gearbeitet und miteinander umgegangen wird. Das kann sich in Materialität, Atmosphäre, Möblierung, Offenheit oder auch in einer bewusst zurückhaltenden Gestaltung ausdrücken. Gerade im Office würde ich den Begriff „Marke“ deshalb weiter fassen. Nicht jedes Unternehmen hat ein Produkt, das sich unmittelbar räumlich übersetzen lässt. Eine Verwaltung oder ein Dienstleistungsunternehmen funktioniert anders als ein Produkthersteller. Aber jedes Unternehmen hat eine Identität und ein Selbstverständnis – und genau das sollte im Raum spürbar werden. Kurz: Eine Marke muss im Raum nicht plakativ sichtbar sein. Sie sollte glaubwürdig spürbar sein.“

Sie haben gesagt, Innenarchitektur sei mehr als Gestaltung, sie sei Haltung und Verantwortung. Was bedeutet das konkret für ein Büroprojekt? Gehört Corporate Identity auch dazu? Und wo fängt Manipulation an?

S. Brandherm: „Corporate Identity gehört für mich durchaus dazu – allerdings nicht nur als dekorative Ebene, sondern als Teil einer tatsächlichen Unternehmenskultur und Identität. Innenarchitektur trägt Verantwortung, weil Räume immer etwas vermitteln. Inszenierung darf dabei durchaus sein. Manipulation beginnt für mich dort, wo daraus bewusst ein falsches Versprechen wird. Wenn beispielsweise eine offene, lockere Arbeitswelt inszeniert wird, das tatsächliche Arbeiten aber ganz anders, im negativen Sinne, aussieht. Die Innenarchitektur wird dann zu einer Art Kulisse und hinter dem Vorhang sieht es ganz anders aus. Auch im Beispiel von Recruiting spielen Räume eine wichtige Rolle: Unternehmen nutzen ihre Arbeitswelten ganz bewusst, um Haltung, Kultur und Attraktivität als Arbeitgeber zu vermitteln. Kritisch wird es dann, wenn das räumliche Versprechen, das im Recruiting vermittelt wird, mit dem späteren Arbeitsalltag wenig zu tun hat. Das können wir im Office genauso wie im Hotel erleben: Die repräsentativen Bereiche werden hochwertig gestaltet, während die tatsächlichen Arbeitsbereiche oder – im Hotel – Korridore, Zimmer und Back-of-House-Flächen deutlich abfallen. Entscheidend ist für mich, welches Versprechen ein Raum gibt und ob dieses Versprechen glaubwürdig ist. Innenarchitektur darf inszenieren und überhöhen – aber sie sollte kein falsches Versprechen geben. Kurz: Verantwortung bedeutet für mich, dass Gestaltung, Unternehmenskultur und tatsächlicher Alltag zusammenpassen.“

Ein Hotelzimmer erzählt sofort eine Geschichte über die Marke dahinter. Warum tun sich Unternehmen mit ihren Büros oft viel schwerer, diese Geschichte überzeugend zu erzählen?

S. Brandherm: „Da würde ich zunächst der These ein Stück weit widersprechen: Nicht jedes Hotelzimmer erzählt automatisch eine überzeugende Geschichte über die Marke. Auch in der Hotellerie gibt es sehr unterschiedliche Qualitäten. Häufig erfahren Lobby, Bar und andere öffentliche Bereiche sehr viel Gestaltung, während Zimmer und Korridore wesentlich weniger Aufmerksamkeit bekommen. Auch das inzwischen sehr verbreitete Storytelling über einen Ort sehe ich durchaus kritisch. Nicht jedes Hotel muss an jeder Ecke erzählen, in welcher Stadt oder Region es steht. Das kann schnell stereotyp werden. Manchmal sind eine sehr gute Gestaltung, eine besondere Materialität und eine starke Atmosphäre viel überzeugender als ein überinszeniertes Storytelling. Gleichzeitig haben sich Offices enorm verändert. Auch dort gibt es längst Public Spaces: Coffee Points, Project Rooms, offene und geschlossene Meetingbereiche, kommunikative Zonen. Das Office ist heute viel mehr als der eigentliche Arbeitsplatz mit seinem Schreibtisch. Und auch hier muss man differenzieren: Ein Unternehmen, das ein physisches Produkt herstellt, kann seine Identität anders vermitteln als eine Verwaltung oder ein Dienstleistungsunternehmen. Was wir bei unseren Projekten erleben, ist deshalb weniger der Wunsch nach einer plakativ erzählten Unternehmensgeschichte. Die Unternehmen möchten ihr Selbstverständnis und ihre Kultur eher selbstverständlich in die Gestaltung einfließen lassen. Auch Mitarbeiterbindung und Recruiting spielen dabei zunehmend eine Rolle. Kurz: Nicht jedes Office und nicht jedes Hotel braucht eine inszenierte Geschichte. Entscheidend ist, dass eine eigene Identität entsteht, die selbstverständlich und glaubwürdig wirkt.“

Zum Schluss

S. Brandherm: „Ich hoffe, meine Kernthesen kommen darin gut zum Vorschein: Identität statt Inszenierung, Glaubwürdigkeit statt Kulisse und Haltung statt Storytelling um jeden Preis. Das übergeordnete Thema „Was kann das Office vom Hotel lernen?“ sehe ich dabei bewusst etwas kritisch. Im Bereich Service, Aufenthaltsqualität und Gastlichkeit gibt es sicherlich interessante Impulse. Rein räumlich und innenarchitektonisch halte ich den einseitigen Transfer vom Hotel zum Office jedoch für zu kurz gegriffen – dafür haben sich moderne Arbeitswelten längst zu einer eigenständigen und sehr differenzierten Typologie entwickelt. Spannender finde ich daher die Frage, was beide Welten voneinander lernen können.“

Wer beim Best of Architecture Summit am 22. Oktober in München tiefer einsteigen möchte, trifft Susanne Brandherm im Panel „Check-in ins Büro: Was der Arbeitsraum vom Hotel lernen muss“.

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