Häuser des Jahres 2015

Häuser des Jahres – Preisverleihung 2015

Wladimir Kaminer bezeichnet sich selbst als „professionell Ahnungsloser“ und macht sich so seine ganz eigenen Gedanken zum Bauen: er teilt die Häuser in vier Elemente FEUER – WASSER – LUFT – ERDE auf, um für sich selbst eine Ordnung zu schaffen. Als jemand der nicht im Architekturbetrieb tätig ist, jedoch die Gesellschaft und das Treiben des Alltags sehr genau beobachtet und uns pointiert-ironisch den Spiegel vorhält, war Wladimir Kaminer auch gestern Abend ein großartiger Gastredner.

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Wladimir Kaminer bringt das Publikum zum lachen und berichtet von seiner Sicht auf die Architektur

Architektur kann man auch humorvoll beobachten und beschreiben. Wahrscheinlich wurde selten zuvor so herzlich und viel bei einem Vortrag über Architektur gelacht wie gestern Abend im DAM. Dieser Schuss Humor fehlt so manches Mal im hektischen Zeit- und Kostenplan getriebenen Architekturalltag.

Um den Spannungsbogen über den Tag langsam aufzubauen, gab es zum ersten Mal einen Architekturspaziergang zum Thema Rekonstruktion–Transformation?! Peter Cachola Schmal führte zu vier besonderen Projekten. 34 Architektinnen und Architekten diskutierten am Römerberg über die Rekonstruktionen und ließen sich anschließend bei einem Besuch im Architekturbüro Meixner Schlüter Wendt in die künstlerisch intellektuelle Architektur Welt entführen. In Sachsenhausen überraschten und faszinierten zwei Gebäude die Spaziergänger gleichermaßen – der Kleine Mann mit dem Blitz – von Franken Architekten und das Büro-Wohnhaus von Marie-Theres Deutsch.

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Blick über die Baustelle am Römer

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Besuch im Architekturbüro Meixner Schlüter Wendet

Beide Häuser beeindruckten auf verschiedenen Ebenen. Einerseits die Art, wie historische Zitate in die heutige Zeit transformiert wurden und andererseits die sehr präzise gedachten und ausgeführten Details. Es ist immer etwas Besonderes wenn man in die privaten Räumlichkeiten eintreten darf und sieht wie die Bewohner sich, liebevoll und in diesen Fällen auch stilsicher, die Räume aneignen und sie mit Leben füllen.

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Kleine Rittergasse von Franken Architekten

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Marie-Theres Deutsch erläutert die Idee am Modell

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die Kolleginnen und Kollegen schauen und lauschen gebannt

Während des Spaziergangs ließ Peter Cachola Schmal immer wieder Anekdoten und Querverweise zu Gebäuden und Personen einfließen und so verging dieser Spaziergang wie im Flug. Ganz nebenbei haben sich die Kolleginnen und Kollegen kennengelernt und abseits vom Büroalltag einen schönen Nachmittag mit inspirierenden Ideen – Gebäuden – Gesprächen erlebt. Sicher nicht der letzte Spaziergang dieser Art – sondern der Beginn einer schönen Tradition.

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Die Spannung steigt ...

 

Die „Häuser des Jahres“ wurden dann aber auch noch verliehen. Die Jury hatte die Qual der Wahl und musste aus den 228 eingereichten Häusern 50 für das Architekturbuch auswählen sowie einen 1. Preis küren. Diese Entscheidung fiel nicht leicht, denn die eingereichten Arbeiten hatten eine durchwegs hohe Qualität. Es gab keine extremen avantgardistischen Überflieger und auch kaum Häuser die man in typischen Wohngebieten findet.

Neben dem Gewinner zeichnete die Jury 6 Häuser mit einer Anerkennung aus. Die Häuser mögen sich auf den ersten Blick in manchen Punkten ähnlich sein – die Bescheidenheit und handwerklich hohe Ausführungsqualität eint diese Häuser. Wie wir finden, eine sehr positive Ähnlichkeit. Die Gebäudeform, der Grundriss und die Geschichten hinter den Häusern sind sehr individuell und extrem spannend. Wolfgang Bachmann, Autor des Buchs und Moderator des Abends, schafft es auf seine ganz eigene Art diese Geschichten in einem kurzen Gespräch mit den Architekten heraus zu kitzeln: so haben wir einige überraschende und interessante Details zu den einzelnen Häusern erfahren.

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Sven Matt berichtet, wie es ist für seinen Bruder zu bauen

Bernardo Bader Architekten aus Dornbirn im Vorarlberg (Österreich) tastete sich in den letzten Jahren immer näher an den 1. Preis heran: mit dem diesjährigem Projekt „Behauste Scheune“ schaffte er es an die Spitze. Bader selbst bezeichnet es als „Poetische Normalität“ – wenn das normal ist, dann möchte sicher jeder gerne in dem Haus wohnen. Die Einfachheit, die Zurückhaltung und der Umgang mit heimischen Materialien hat die Jury überzeugt. Das Haus plante Bernardo Bader für seinen Bruder. Eine ganz spezielle Situation sei es für die Familie zu planen. Man möchte es noch ein Stückchen besser machen als sonst und die familiäre Situation macht es nicht immer leichter in der Kommunikation, wusste auch Sven Matt zu berichten. Der ebenfalls für seinen Bruder gebaut hat und für das Haus eine Anerkennung erhielt.

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... Bernardo Bader mit Wolfgang Bachmann beim Sieger Interview

Auch die Architekten Savio Fabrizzi und L3P wurden mit einer Anerkennung bedacht – beide bauten für sich selbst. Mindestens genauso schwer sei es für sich selbst zu planen. Es gibt so viele Ideen und Raumstrukturen im Kopf, die man immer schon mal umsetzen wollte: Zudem kann man Details/Materialien/Raumbezüge ausprobieren, die ein normaler Bauherr sich nicht trauen würde oder sich gar nicht vorstellen kann. Es ist immer ein spannendes Experiment für sich selbst zu bauen.

Die Südtiroler Brüder Alexander und Armin Pedevilla haben ein Single Haus gebaut. Dem Bauherren war es besonders wichtig die Berge zu sehen und sich die Natur als Bild in die Räume zu holen. In Kombination mit den natürlichen Materialien und der handwerklichen Ausführungsqualität ist ein ‚Einzelstück’ entstanden.

Von den 228 eingereichten Häusern hat auch ein deutsches Haus eine Anerkennung erhalten. Das Haus ist ‚Rank und Schlank’ und steht auf Stelzen, ist ein Solitär in einer Siedlung und fügt sich dennoch ein. Jonathan Scheder hat diese Haus in Kaiserslautern gebaut, für einen Bauherren der plant das Haus zu vermieten oder zu verkaufen.

Das Sommerhaus „Zeugnis Geben“, so war sich Wolfgang Bachmann sicher, müsse für eine junges Bauherrenpaar gebaut worden sein. Dies entsprach nicht ganz den realen Umständen. Die Architekten Marazzi Reinhardt überraschten Autor und Publikum: das Haus wurde für ein Ehepaar realisiert, die beide über 70 sind.

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Der Sieger, die Anerkennungen, die Sponsoren und die Jury

 

Die weiteren 43 Projekte im Buch „Häuser des Jahres“ sind nicht weniger spannend und zeigen vielfältige Möglichkeiten sich ein Haus zu bauen. Von der großzügigen Villa oberhalb des Lago Maggiore bis hin zum „gestrickten“ Holzbau im Allgäu.

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Das Buch Häuser des Jahres 2015

Es gibt Häuser die mit der Landschaft verschmelzen und andere die gerahmte Ausblicke in eine großartige Landschaft zulassen. Ein Haus aus Stroh ist materialtechnisch sicher ebenso ungewöhnlich wie ein dreieckiger Grundriss.

Lassen Sie sich als Bauherr für Ihr eigenes Haus inspirieren, überraschen und von der hohen architektonischen Qualität überzeugen. Als Architekt werden Sie sich genauso inspirieren lassen können, indem Sie den Kolleginnen und Kollegen quasi über die Schulter blicken und erfahren wie in anderen Regionen gedacht und gebaut wird.

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Blick in das druckfrische Buch

Im Anschluss der Preisverleihung tauschten sich die zahlreichen Gäste bei Wein und Sekt aus und schauten sich die Ausgezeichneten Projekte an.
Ein scöner Ausklang eines entspannten tages mit vielen Eindrücken und tollen Gesprächen. Alles in allem ein wirklich toller Tag – wir freuen uns schon jetzt auf die „Häuser des Jahres 2016“

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Die Kolleginnen von Flacke Otto Architekten im Gespräch mit Alexandra Bub

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Herr Architekt Franz Josef Maul aus Wels/Oberösterreich hat die Bauherrschaft mitgebracht

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Die Ausstellung ist noch bis zum 09/Nov 2015 im DAM in Frankfurt zu sehen

 

Wir wünschen Ihnen viel Spaß bei der architektonischen Reise!


Die Preisträger

Das Haus des Jahres 2015 steht im Norden des Bregenzerwaldes, in Doren.  Der Architekt Bernardo Bader wurde für dieses Projekt mit dem ersten Preis geehrt.

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Zum fünften Mal lobte der Callwey Verlag in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Architektur Museum und der Unterstützung des InformationsZentrum Beton sowie Kaldewei den Wettbewerb „Häuser des Jahres – die besten Einfamilienhäuser“ aus.  Aus 228 Einreichungen erkor die Jury die besten Projekte und wählte aus diesen einen Preisträger und sechs Anerkennungen aus. Insgesamt 50 Einfamilienhäuser präsentiert unser Buch „Häuser des Jahres„, der Begleitband zum Wettbewerb 2015. Auch dieses Jahr bestachen alle eingereichten Arbeiten durch ihre solide Qualität.

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Die „Behauste Scheune“ hat Bernardo Bader für seinen Bruder realisiert: ein einfaches, rechteckiges und eingeschossiges Haus mit Satteldach, frei stehend auf einer Wiese in einem Vorarlberger Dorf.  Ein Haus wie viele andere in dieser Umgebung, in seiner urförmlichen Gestalt verwandt mit den örtlichen Scheunen und Höfen. Aber doch ganz anders. Die Jury war begeistert  von dem selbstgesetzten Anspruch der Architekten, der „Poetische Normalität“. Die Ausstattung steht in Balance aus Gesammeltem und Selbstgemachtem: wie die Böden, aus Altholzdielen des Bestandsgebäudes gehobelt . Im Inneren dann eine Art „Tisch“ aus Sichtbeton, der als massiver Speicher die Wärme der Fußbodenheizung aus Erdwärme aufnimmt. Das Holz für die Fassade stammt aus dem nahe gelegenen Wald.

Gustav Willeit Photography
Gustav Willeit Photography

Die Südtiroler Pedevilla Architekten bekamen für ihr „Einzelstück“ in Mühlen in Taufers die Anerkennung der Jury. Schon im letzten Jahr hatten die beiden Brunecker  mit ihrem Haus in Enneberg bewiesen, dass sie es hervorragend verstehen, die Baukultur eines Orts mit sorgfältiger handwerklicher Detaillierung in ein zeitgenössisches, nachhaltiges Wohngebäude zu übertragen. Auch bei diesem Ausbau wurden großer Wert auf handwerkliche Qualität und ortstypische Materialien gelegt, um eine hohe regionale Wertschöpfung zu erreichen.  Das Holz wurde vom Schreiner gekauft und aus den Stämmen geschnitten, das Eingangsportal bearbeitete ein Grödner Holzschnitzer. Dass es sich dabei keineswegs um ein braves Stapeln langweiliger Zimmer handeln muss, sondern um die raffinierte Eroberung eines Baukörpers, zeigt dieses Haus, das zudem zu erstaunlich günstigen Kosten errichtet wurde.

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Der „Weinstockbau“ der Schweizer Architekten L3P ist das Ergebnis einer interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Architekt und Ingenieur. Sie entwickelten für ein als unbebaubar geltendes kleines Grundstück, mit einem Baufenster von 9 auf 5 Meter, ein raffiniertes Wohnkonstrukt, das ohne dicke Außenwände und platzfressende Verkehrsflächen auskommt. Bei ihrem Werk übernahmen die Architekten die Logik der Weinrebe: Tragende Mittelwand, Podeste und vorgehängte Fenster folgen der Struktur von Stiel, Geäst und den daran hängenden Trauben. Die Jury überzeugte vor allem der skulpturale Gesamtcharakter dieses charaktervollen Hauses.

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Marazzi Reinhardt entschied sich mit „Zeugnis Geben“ für einen wahrlich seltenen Beitrag zur Baukultur: Eines der ältesten Häuser des Orts sollte wieder bewohnbar gemacht werden, die erforderlichen Maßnahmen wären allerdings zu aufwendig gewesen. Deshalb verfolgte man eine andere Strategie. Das Gebäude wurde von späteren An-und Umbauten befreit und dient heute als anspruchsloses Sommerhaus. Dazu gesellt sich ein funktionaler Neubau, der die komfortablen Bedürfnisse des heutigen Wohnens erfüllt: Dies zeigt einmal mehr, wie elegant die Kombination von Alt und Neu gelingen kann.

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Die vierte Auszeichnung ging an das Architekturbüro Scheder in Stelzenberg. Der Auftrag – die Architekten hatten in der Nähe bereits zuvor ein Projekt realisiert – betraf ein nur 9,50 Meter breites Grundstück am anderen Ende derselben Straße. Der Neubau, „Rank und Schlank“ mit 56 Quadratmetern Wohnfläche, bildet für ein bis zwei Bewohner eine Art gebautes Existenzminimum: Aber es fehlt an nichts. Wenig Fläche, aber viel Licht und Raum bietet das innen 3 Meter schmale Haus und die großen Fenster zeigen, was in der Nachbarschaft läuft. „Vertraut und gleichwohl fremd“ steht das kleine Haus an der Hangseite, wo nach ein paar Schritten der Wald beginnt.

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Das schmale Grundstück an einer Weggabelung blieb lange Zeit unbebaut. Die Böschung schien zu steil für die Chalets der Städter, mit denen sie das Land kolonisieren. Doch die Innauer Matt Architekten realisierten einen schmalen langen Baukörper, der die Hanglage nutzt und sich mit seiner holzverkleideten Hülle verträglich zwischen den Bäumen eingemeindet. Seine Längsausrichtung entspricht der regional häufig anzutreffenden Form der Bauernhäuser im Bregenzer Wald, typologisch handelt es sich aber um ein bürgerliches Haus, das keine bauhistorischen Anleihen unternimmt.

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Das Haus der Savio Fabrizzi Architekten steht in einer dicht und heterogen bebauten Gegend in Conthey mit lauter unterschiedlichen Einfamilienhäusern. Ausgangspunkt für den Entwurf war die Idee, das gesamte Grundstück, auch die Außenräume, mit einer Bebauung zu definieren und die gesamte Parzelle in das Konzept einzubeziehen. Das ganz an die Nordkante gerückte Haus reicht dadurch scheinbar ringsum bis an die Grundstücksgrenzen, wie eine „Feste Burg“.

Die Geschichte

Hier finden Sie die Beiträge zu den weiteren Wettbewerben:
HÄUSER DES JAHRES 2014
HÄUSER DES JAHRES 2013
HÄUSER DES JAHRES 2012
HÄUSER DES JAHRES 2011