Resilienz als neue Planungsqualität: Andrea Gebhard im Interview

„Boden ist eine begrenzte Ressource“: Andrea Gebhard im Gespräch vor dem Best of Architecture Summit 2026

Geopolitische Verwerfungen, steigende Rohstoffpreise, ein angespannter Wohnungsmarkt: Wer heute einen Berufsstand führt, der Städte und Landschaften plant, muss mit Unsicherheiten arbeiten, die sich kaum noch berechnen lassen. Andrea Gebhard weiß das aus zwei Perspektiven. Die Landschaftsarchitektin und Stadtplanerin wurde am 28. Mai 2021 zur Präsidentin der Bundesarchitektenkammer gewählt und ist seit vielen Jahren berufspolitisch engagiert: seit 1989 Mitglied der Bayerischen Architektenkammer, seit 1990 Mitglied im Bund Deutscher Landschaftsarchitekten (BDLA), von 2007 bis 2013 dessen Präsidentin. Seit 1999 gehört sie der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) an, seit 2012 dem Kuratorium für Nationale Stadtentwicklung, seit 2022 als stellvertretende Vorsitzende dem Stiftungsrat der Bundesstiftung Baukultur. Seit 2009 ist sie Mitinhaberin des Büros mahl gebhard konzepte. Vor dem Best of Architecture Summit hat sie vorab drei Fragen im Interview beantwortet.

Andrea Gebhard

Sie führen die Bundesarchitektenkammer durch eine Zeit, in der geopolitische Verwerfungen, Rohstoffpreise und Zinsniveau direkt in die Baustelle durchschlagen. Wie verändert sich die Arbeit eines Berufsstands, wenn außenpolitische Krisen zur täglichen Planungsgröße werden?

A. Gebhard: „Die Rahmenbedingungen des Planens werden weniger berechenbar – und damit verändert sich auch unsere Aufgabe. Resilienz wird zu einer neuen Planungsqualität. Wir müssen stärker mit Unsicherheiten umgehen, Abhängigkeiten bei Materialien und Lieferketten reduzieren und regionale, kreislauffähige Ressourcen in den Blick nehmen. Gleichzeitig dürfen kurzfristige Krisen nicht unsere langfristigen Ziele verdrängen. Gute Planung muss heute beides können: auf Veränderungen reagieren und dennoch verlässlich auf Klimaschutz, Bezahlbarkeit und Baukultur hinarbeiten.“

Sie kommen aus der Landschaftsarchitektur, führen aber einen Verband, der überwiegend von Hochbau geprägt ist. Verändert dieser Blick von außen, was Ihnen an den aktuellen Krisen zuerst auffällt – knappe Flächen, versiegelte Böden, fehlende Freiräume?

A. Gebhard: „Ich würde die Landschaftsarchitektur nicht als einen Blick von außen bezeichnen. Die Bundesarchitektenkammer vertritt mit Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung vier Fachrichtungen, die gemeinsam Verantwortung für unsere gebaute Umwelt tragen. Natürlich prägt mich aber meine fachliche Herkunft und ich betrachte das einzelne Gebäude immer in seinem räumlichen und landschaftlichen Zusammenhang. Gerade in den aktuellen Krisen wird deutlich, dass Boden, Wasser und Freiräume keine nachgeordneten Themen sind. Boden ist eine begrenzte Ressource. Versiegelte Flächen verschärfen Hitze und die Folgen von Starkregen, während gut gestaltete Freiräume das Stadtklima verbessern, Wasser aufnehmen, Biodiversität sichern und Orte der Begegnung schaffen. Deshalb dürfen wir Wohnungsbau, Klimaanpassung und Freiraumentwicklung nicht gegeneinander ausspielen. Wir müssen den Bestand besser nutzen, bereits versiegelte Flächen weiterentwickeln und Gebäude, Quartiere und Freiräume von Anfang an zusammendenken. Diese integrierte Perspektive ist für mich eine wesentliche Voraussetzung für eine zukunftsfähige Baukultur.“

Sie haben nach Ihrer Wahl gesagt, der Berufsstand übernehme Verantwortung für den gesellschaftlichen Wandel. Was bedeutet das konkret, wenn Kommunen kein Geld mehr haben und der Wohnungsmarkt sich weiter spaltet? Was kann bzw. was muss die Kammer selbst verändern?

A. Gebhard: „Verantwortung heißt heute vor allem, unter schwieriger werdenden Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. Wenn kommunale Mittel fehlen und sich der Wohnungsmarkt weiter polarisiert, müssen wir stärker über den Bestand, einfache Standards, neue Wohnmodelle und eine gemeinwohlorientierte Boden- und Stadtentwicklung sprechen. Die Kammern können dabei nicht nur Forderungen an die Politik richten. Sie müssen auch die eigene Praxis verändern: Wissen schneller verfügbar machen, Kommunen und Planende beim Umbau unterstützen, neue Kooperations- und Planungsmodelle fördern und Qualitätsmaßstäbe dort weiterentwickeln, wo bisher vor allem Neubau, Wachstum und hohe Standards den Referenzrahmen bilden. Gesellschaftliche Verantwortung bedeutet dann auch, neu zu definieren, was gute Planung unter knappen Ressourcen leisten muss.“

Wer beim Best of Architecture Summit am 22. Oktober in München tiefer einsteigen möchte, trifft Andrea Gebhard im Eröffnungsinterview mit Jörg Thadeusz und Dr. Marcella Prior-Callwey.

BoA26_Banner

Jetzt Tickets sichern: Best of Architecture 2026