„The World is my Oyster“ – kaum ein Mensch lebt diesen Spruch so wie unser Autor des Monats Michael Runkel. Seit vierzig Jahren bereist er die Welt bis in ihre entlegensten ecken und wurde Zeuge von atemberaubenden Szenerien und Teil von bedeutenden Begegnungen. Es sind diese Momente, die der Reisefotograf in seinem neuen Buch „Letzte Stimmen“ mit den Lesenden teilt. Dabei nimmt es eine ganz besondere Perspektive ein, denn es zeigt, was vielleicht in ein paar Jahren verloren gehen könnte. In Letzte Stimmen nimmt Michael Runkel mit zu Stämmen, die er über Jahre hinweg besucht hat und deren Lebensweisen durch Klimawandel, Globalisierung und Landraub akut bedroht sind. Ein stiller Appell, die kulturelle Vielfalt der Menschheit als gemeinsames Erbe zu begreifen. Für unser Interview erzählt er uns nicht nur wie er zum Reisen und der Fotografie kam, sondern auch mehr über seine Erfahrungen und welche Rolle Vertrauen bei seinen Bildern spielt.

Du reist seit Jahren um die Welt und hast mehr gesehen als die meisten anderen Menschen. Gibt es noch Momente, Szenerien und Orte, die Dich überraschen?

Ich reise nach wie vor sechs bis acht Monate im Jahr. Obwohl ich das fast schon vierzig Jahre hinter mir habe und dementsprechend viel gesehen habe, gibt es eigentlich ständig neue Dinge, die ich erlebe und sehe. Dinge, die vielleicht irgendwo schon mal ähnlich waren, aber trotzdem in dem Fall wieder neu sind, weil die Szene an sich oder das Erlebnis ein neues ist. Das habe ich wirklich ständig und es passiert eigentlich konstant, sonst würde ich das auch nicht mehr machen. Also in der Form, dass ich noch sage, ich fahre jetzt zu Orten aus Eigeninitiative.

Wie kamst Du zur Fotografie und letztlich zur Reisefotografie? Gibt es Tipps, die Du anderen auf den Weg mitgeben würdest?

Ich bin als Junge, als ich in der Grundschule war, irgendwann auf Karl May gestoßen und habe dann in der dritten/vierten Klasse alle Karl May Bände gelesen. Dementsprechend habe ich damals schon ein gewisses Abenteuer-Gen in mir gehabt und ich wusste, ich werde irgendwann mal die Welt besichtigen und bereisen. Dann war das Abitur da. Ich wäre eigentlich Kampfpilot geworden, habe alle Tests schon gehabt. Habe aber dann festgestellt, die Bundeswehr ist so gar nicht meins, und habe dann angefangen zu reisen. Ich bin immer wieder irgendwo hingefahren und dann, als das Studium begonnen hat, bin ich jedes Jahr sechs Monate im Ausland gewesen. Ich habe sogar meine Sachen mitgenommen, also die Studiensachen, weil ich Prüfungen am Ende der Semesterferien hatte, und habe mich dann am Mount Everest, tief im Dschungel Venezuelas oder im Jemen auf die Prüfungen vorbereitet. Dementsprechend war es dann so, dass ich da schon sehr viel gereist bin. Dann traf ich 1993 in den Nachwehen des Bürgerkrieges in Kambodscha über Umwege, beziehungsweise über den Zufall zwei Reisefotografen aus Neuseeland. Weil der Krieg jede Nacht um uns herum getobt hat, haben wir uns zusammengetan und dann waren wir zwei Monate unterwegs. Sie haben mich damals in die Fotografie eingeführt, in dem Sinne, dass es schon was anderes ist, wenn man eben auch schöne Bilder machen kann. Und so kam das eine zum anderen.

Was ich heutzutage den Leuten empfehle, diese Frage bekomme ich häufig. Was ich prinzipiell empfehlen würde: Fotografiert, aber fotografiert nur, wenn es euch Spaß macht und wenn es ein Hobby ist. Ich würde keinem mehr empfehlen, in die Reisefotografie zu gehen und das als Beruf zu machen. Da kann man eigentlich heutzutage nur noch scheitern kann. Also da würde ich sagen, macht das, aber nur für euch.

Fotocredit: Michael Runkel

Du schreibst im Vorwort von „Letzte Stimmen“, dass nachdem gegenseitiges Vertrauen gewachsen ist, die Bilder entstanden sind, die dir bis heute am meisten bedeuten. Was macht diese Bilder aus? Findet man einige von ihnen auch in deinem neuesten Buch?

Diese Bilder sind insofern von Bedeutung, dass man natürlich Erlebnisse hat, die schon ziemlich einzigartig sind. Wenn man zu Stämmen kommt, die überhaupt noch nie oder ganz wenig Kontakt zur Außenwelt haben, dann ist das natürlich schon so, dass man da nicht einfach mal hinkommt, ein paar Fotos macht und dann wieder geht. Dementsprechend muss man natürlich erst dieses Vertrauen aufbauen und mit Leuten finden, die mit einem überhaupt gar nichts gemeinsam haben. Und deswegen ist es für mich wichtig, dieses Vertrauen aufzubauen. Dass die Leute verstehen, ich komme nicht, um ihnen etwas wegzunehmen, sondern dass es ihnen auch einen gewissen Mehrwert gibt. Und dieser Mehrwert ist eben, dass ich versuche, sie in ihrer Schönheit darzustellen und sie das dann auch selber sehen, denn viele kennen ja keine Fotos, in denen sie sich selber sehen und dann eben auch die Schönheit von sich selber zum ersten Mal sehen. Das ist für uns gar nicht so vorstellbar, aber wenn Leute ohne Spiegel und ohne Kamera leben, dann wissen sie ja oft gar nicht, wie sie selber aussehen und haben eigentlich gar keine Vorstellung, was sie eigentlich nach außen darstellen.

Fotocredit: Michael Runkel

 

Das Buch lebt von seinen Bildern und ihrer Ausdruckskraft. Sie erzählen Geschichten von Begegnungen und zeigen die Vielfalt der menschlichen Lebensweisen. Wie fängt man solche Bilder ein? Sind es Momentaufnahmen, die spontan entstehen oder hast Du bereits im Vorfeld eine Vorstellung davon, welche Motive Du einfangen möchtest?

Was mir sehr wichtig ist: Wie komme ich zu solchen Menschen, wie kann ich solche Fragen einfangen und solche Begegnungen haben? Das Wichtige ist, dass ich mich immer auf die Ebene der Menschen begebe. Viele sind sehr einfach und ursprünglich, haben oftmals nie gelernt, zu lesen und zu schreiben, und dementsprechend kann man sie auch mit für uns sehr unüblichen Blödsinn locken. Das Entscheidende dabei ist eigentlich, dass man wirklich versucht, möglichst natürlich mit ihnen zu sein, und das heißt, dass ich keine Scheu habe, mich selber ein bisschen bloßzustellen. Witze zu machen, die vielleicht für uns total unvorstellbar sind, aber es ist so, dass du dadurch, wenn du natürlich bist, sehr schnell das Vertrauen gewinnst. Wenn sie sehen, dass ich nicht einfach nur in meinem Sinne agiere, sondern auch für sie, indem ich ihnen die Bilder danach zeige, dann haben sie auch das Gefühl, dass ich nichts von ihnen wegnehmen will, sondern dass ich eben auch etwas für sie machen möchte.

Ich habe eine sehr große Erfahrung, wenn es um Stämme geht und wie man damit umgeht. Ich habe natürlich nie eine genaue Vorstellung, was ich sofort machen kann aber ich weiß, was man machen kann in Gegenden, wo es nicht so viele Möglichkeiten gibt. Das heißt Orte, wo es nicht so viele unterschiedliche Landschaften und unterschiedliche Gegebenheiten gibt. Ich war jetzt bei zwei, drei Stämmen in Angola, da gibt es ein paar Hütten, aber landschaftlich nichts außen rum und da muss man eben wissen, was man in dem Fall machen kann. Dass ich sage, ich weiß genau, da habe ich einen Baum, da kann ich sie hinter dem Baum positionieren, ich kann sie vor dem Baum in irgendeiner Form fotografieren. Da muss man ein bisschen seine Erfahrung spielen lassen. Das ist das, warum Leute mich buchen, um ihnen solche Dinge beizubringen.

Fotocredit: Michael Runkel

„Letzte Stimmen“ teilt deinen persönlichen Blick auf die Menschen, denen Du auf deinen Reisen begegnet bist, sowie auf ihre Lebensweisen, Traditionen und Bräuche. Was sollen die Leser und Leserinnen mit auf den Weg nehmen?

Die Grundsache ist, dass ich der Meinung bin, dass wir Menschen alle sehr unterschiedlich sind, dass wir unterschiedliche Lebensweisen und unterschiedliche Kulturen haben. Aber gleichzeitig auch Menschen sind, die viele Gemeinsamkeiten haben oder die Grundgemeinsamkeiten gemeinsam haben. Und die Grundgemeinsamkeiten sind, dass wir glücklich und zufrieden sein wollen. Dass wir wollen, dass es unseren Familien und Kindern gut geht. Das ist etwas, dass wir überall finden, und das Ziel ist, dass man sagt, ich möchte zeigen, wie vielfältig wir sind obwohl wir eigentlich alle Menschen sind. Obwohl wir eigentlich alle humane Wesen sind, die schon auch eine gewisse Gemeinsamkeit auf unserer Welt teilen. Aber eben Einblicke geben in Dinge, die für uns normalerweise überhaupt nicht vorstellbar sind. Dinge, die für uns fremd sind, die aber in diesen Ländern und diesen Kulturen vollkommen normal sind.

Fotocredit: Michael Runkel

 

Über Jahre hinweg konntest Du den Wandel beobachten. Wie genau macht er sich bemerkbar? Ist er unmittelbar spürbar oder ein schleichender Prozess?

Dieser Wandel ist sehr stark zu betrachten weltweit. Es gibt nur noch wenige Stämme, die wirklich vollkommen autark und autonom sind. Also wenn, dann sind sie wirklich sehr, sehr abgelegen, wie im Dschungel von Südamerika im Amazonas. Aber selbst in Afrika ist es so, dass es mittlerweile eigentlich so gut wie keine Stämme gibt, die nicht Kontakt zur Außenwelt haben. Einfach deswegen, weil die Globalisierung in diesen Ländern ganz stark voranschreitet und durch die Globalisierung die Menschen Kontakt mit der Außenwelt haben. Weil der Handel dort eben auch ganz stark voranschreitet und dementsprechend auch Kleidung kommt, die Missionierung kommt dazu, dass die Leute aufhören, ihre originale Kleidung zu tragen, sondern mehr westliche Kleidung tragen und oftmals ihre Identität verlieren. Das ist etwas, das man sehr häufig sieht und wo dann wirklich die traditionellen Gewohnheiten und Gebräuche schlicht und einfach aufgegeben werden, weil sie keiner mehr verfolgt. Das ist meiner Meinung nach ein Riesenproblem, weil die Leute dann einfach etwas Schwierigkeiten haben, sich im Leben fest zu finden, weil sie keine Identität mehr haben und auch keinen Rückhalt mehr in den eigenen Stämmen. Es gibt ein paar Ausnahmen, aber prinzipiell ist das leider ein Problem, das man fast überall auf der Welt findet.

Zum Abschluss: Dieses Buch hat eine wichtige Bedeutung für uns als Menschen, weil es bewahrt, was vielleicht in einigen Jahren nicht mehr existiert. Gibt es etwas, das Du noch sagen möchtest oder dem noch die Bühne gebührt?

Ich hoffe erst mal, dass den Lesern das Buch gefällt und das sie mit diesem Buch auch insofern etwas anfangen können, dass sie sich bewusst sind, wie vielfältig die Welt ist und dass es eben auch sehr wünschens- und bestrebenswert ist, dass man diese Welt auch in ihrer Vielfalt beibehält. Eine Gleichmäßigkeit der Kultur, eine Gleichmäßigkeit der Menschen führt dazu, dass wir unsere Uridentität verlieren und deswegen ist es meiner Meinung nach wichtig das wir versuchen, unsere unterschiedlichen Identitäten, unsere unterschiedlichen Gebräuche und Traditionen aufrechtzuerhalten. Ich hoffe, dass das etwas ist das die Menschen, die dieses Buch lesen auch so weitergeben und sich bewusst machen können.

Fotocredit: Michael Runkel