(Bildunsgbau)-Architektur ist nie neutral!

Architektur als öffentlicher Auftrag: Best of Architecture Summit Speakerin Florence Brokowski-Shekete im Interview

Architektur ist nie neutral – Schulen, Kliniken und Gemeindezentren prägen, wer wir werden. In Deutschland werden sie dennoch meist zuerst über den Bauetat verhandelt. Beim Summit am 22. Oktober 2026 in München diskutiert dieses Thema unter anderem Florence Brokowski-Shekete.

Brokowski-Shekete ist SPIEGEL-Bestsellerautorin und ist die erste Schwarze Schulamtsdirektorin Deutschlands. Sie saß außerdem in der Jury unseres Bildungsbau-Awards und bringt für das Panel-Thema eine seltene doppelte Sichtweise mit: die einer Bildungsexpertin, die Schulgebäude sowohl als Schülerin als auch aus institutioneller Verantwortung kennt.

Ihr Panel beschäftigt sich mit der Frage: Was schulden wir einander als Gesellschaft und was schuldet uns Architektur zurück? Vorab hat sie einige Fragen zum Panel-Thema beantwortet.

Florence Brokowski-Shekete | Fotocredit: Tanja Valérien

 

Architektur ist nie neutral, sagen Sie. Sie selbst kennen Schulgebäude aus zwei Perspektiven – als Schülerin und als erste Schwarze Schulamtsdirektorin Deutschlands.  Wo genau spürt man in einem Gebäude, dass es formt, wer man wird?

Florence Brokowski-Shekete: „Schon als Kind spürte ich, dass Architektur eine Botschaft ist und nicht nur Beton, Glas oder Holz. Architektur sendet Botschaften von den Menschen, die sie erstellen und an die Menschen, die sie nutzen sollen. Noch bevor ein Mensch ein Wort spricht, vermittelt ein Gebäude: Ich fühle mich hier angekommen. Ich möchte hier sein. Oder eben auch nicht. Auf der anderen Seite sendet es: Du bist hier willkommen. Du bist wichtig. Oder eben nicht. Als Schülerin habe ich erlebt, wie Räume wirken können. Dunkle Flure, verschlossene Türen, kahle Klassenzimmer – sie können den Eindruck vermitteln, dass Lernen vor allem Kontrolle und Funktionieren bedeutet. Leider erinnere ich mich nicht an Schulen, in denen Licht, Offenheit und Begegnungsräume signalisierten: Hier darfst du wachsen. Die Deutsche Schule in Lagos hingegen, die ich drei Jahre besuchen durfte, signalisierte: Dieses ist eine Schule für Kinder von Entsandten, dieses ist eine Privatschule, hier wird darauf wert gelegt, dass sich alle am Schulleben Beteiligte wohlfühlen. Später als Schulamtsdirektorin, habe ich Schulen nicht mehr aus der Perspektive eines Kindes gesehen, sondern aus der Verantwortung für Tausende Schülerinnen und Schüler. Da wurde mir noch deutlicher: Beispielsweise, die Helligkeit von Gebäude, ein guter Kälte- und Hitzeschutz, ausreichende Arbeitsplätze beeinflussen Beziehungen. Sie entscheiden mit darüber, ob Lehrkräfte sich wohlfühlen und miteinander ins Gespräch kommen, ob Kinder sich sicher und wohlfühlen oder ob Eltern überhaupt den Mut haben, das Gebäude zu betreten. Wir sprechen oft über Bildungsqualität. Aber Bildung beginnt nicht erst mit dem Unterricht. Sie beginnt an der Eingangstür. Ein Schulgebäude beantwortet jedem Menschen unausgesprochen die Frage: Bin ich hier gemeint? Genau deshalb sollte Architektur immer auch als Bildungsarbeit betrachtet werden.“

Schulen und Kliniken gelten in Deutschland oft als Kostenfaktor, nicht als Investition. Woran liegt das und was übersehen wir, wenn wir Architektur nur über den Bauetat definieren?

Florence Brokowski-Shekete: „Ich habe den Eindruck, dass wir uns in Deutschland zu sehr daran gewöhnt haben, dass Lernerfolg und Schulgebäude voneinander getrennt gesehen werden und nicht miteinander verrechnet werden. Wir fragen: Was kostet der Bau? Wir sollten fragen: Was kostet es uns, wenn wir nicht investieren? Jede gute Schule ist eine Investition in Demokratie, Fachkräfte, gesellschaftlichen Zusammenhalt, Chancengerechtigkeit – in die nächste Generation. Dasselbe gilt für Krankenhäuser. Wer krank ist oder lernt, befindet sich in einer besonders sensiblen Lebensphase. Die Umgebung beeinflusst im hohen Maße die Konzentration, die Heilung, die Motivation, das Gefühl von Würde, das Wellbeing. Wenn wir Architektur ausschließlich über Baukosten definieren, übersehen wir ihren gesellschaftlichen Ertrag und den Einfluss auf die Individuen. Ein inspirierendes Schulgebäude spart vielleicht nicht im ersten Jahr Geld. Aber es kann das soziale Klima verbessern und Identifikation schaffen. Diese Wirkung erscheint in keiner Excel-Tabelle – sie entscheidet aber darüber, wie unsere Gesellschaft morgen aussieht. Letztendlich sollte der erfolgreiche Bau einer Schule nicht von dem Vermögen des Schulträgers abhängen.“

Sie sprechen seit Jahren über Alltagsrassismus und Diskriminierung in Schulen, in Institutionen, im Alltag. Kann ein Gebäude selbst ausgrenzend wirken, unabhängig davon, was in ihm gelehrt oder entschieden wird?

Florence Brokowski-Shekete: „Ja. Absolut. Ausgrenzung beginnt nicht immer bei Worten. Sie kann auch bei der Architektur beginnen. Ein Gebäude kann Barrieren schaffen – nicht nur für Menschen mit Behinderung, sondern auch kulturell und sozial. Wenn Eltern keinen einladenden Eingangsbereich finden, sondern zuerst eine Gegensprechanlage, mehrere verschlossene Türen und lange Flure voller Verbote erleben, entsteht Distanz. Wenn Aufenthaltsräume fehlen, Begegnung unmöglich wird oder Kinder keinen Ort finden, an dem sie sich sicher fühlen können, hat das Folgen. Inklusion bedeutet mehr als eine Rampe. Sie bedeutet: Menschen sollen sich selbstverständlich zugehörig fühlen, durch Sprache, mit Gemälde an den Wänden.  Dazu gehört auch die Frage: Wer wird in Bildern sichtbar? Welche Geschichten erzählen die Räume? Welche Materialien, Farben oder Begegnungsorte schaffen Gemeinschaft? Die sanitären Anlagen sollen für die Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler ein persönlicher und zugleich würdevoller Ort sein. Architektur allein beseitigt keine Diskriminierung. Aber sie kann Diskriminierung verstärken – oder ihr bewusst entgegenwirken.“

Gibt es sonst etwas was Ihnen besonders am Herzen liegt?

Florence Brokowski-Shekete: „Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann diesen: Lasst uns Gebäude nicht mehr ausschließlich für Funktionen planen, sondern für Menschen. Kinder verbringen einen großen Teil ihres Lebens in Schulen. Lehrkräfte verbringen dort ihre gesamte Berufslaufbahn. Patientinnen und Patienten erleben dort oft die verletzlichsten Momente ihres Lebens. Architektur sollte deshalb nicht zuerst fragen: Wie viele Quadratmeter brauchen wir und wo können wir noch etwas einsparen. Sondern: Wie wollen wir miteinander leben? Denn Räume prägen Beziehungen. Beziehungen prägen Bildung. Bildung prägt Demokratie. Demokratie ist was diese Gesellschaft zusammenhält. Und Demokratie beginnt manchmal mit einer Tür, die offensteht, einem Raum, der Begegnung ermöglicht, und einem Gebäude, das jedem Menschen signalisiert: Du gehörst hierher und du bist wichtig.“

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Wir bedanken uns herzlich bei Frau Brokowski-Shekete für das Interview und freuen uns schon sehr auf das Panel am 22.Oktober in München.

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