Callwey: In eurem Callwey Buch „Aus Liebe zum Kochen“ habt ihr in insgesamt 25 Küchen Einblicke erhalten. Wie habt ihr sie gefunden – die vielen Foodies und ihre Geschichten?

Charlotte Schreiber: Über Ecken: Blogs, Zeitschriften, Videos, die wir im Internet gesehen haben, und über Bekannte oder eigene Interessengruppen. Alle Personen, die wir zum Thema Kochen spannend fanden, haben wir angeschrieben und dabei immer auf ihre Teilnahme an unserem Buch gehofft. Irgendwann hatten wir einen erlesenen Kreis an Willigen, mit denen wir thematisch „Aus Liebe zum Kochen“ ausgestalten konnten. Wir brauchten ja Köche für alle Bereiche: Welche für das Süße und andere für Fleisch und Fisch, um am Ende eine ausgewogene Mischung präsentieren zu können. Dabei war uns besonders wichtig, nicht nur das Essen, sondern den Weg der Foodies zu ihrer Leidenschaft nachzuerzählen. Wo kommen sie her, welche prägenden Erlebnisse verbinden sie mit dem Essen, das sie kochen? Welche Rolle spielt Essen dann ihrer Meinung nach in der Gesellschaft? Wir wollten ihre Koch-Philosophie erfahren und wie sich diese auf die Produktauswahl auswirkt.

Callwey: Yvonne, du hast Kommunikationsdesign studiert und arbeitest nun als Designerin. Wieso musste es für euer erstes Buchprojekt ausgerechnet das Thema Kochen und Essen sein?

Yvonne Niewerth: Jeder Mensch hat einen direkten Bezug zum Essen. Daraus entstehen Geschichten, die aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Immer haben sie mit dem dazugehörigen Lifestyle zu tun. Charlotte und ich hatten die Vorstellung, diesen Geschichten eine Plattform zu geben und sie in einem Buch zu verpacken. Wir saßen also erst einmal mit unseren Foodies zusammen, haben gekocht und gegessen und Charlotte hat mit ihrer Kamera alles eingefangen. Das Ganze haben wir probeweise gelayoutet und dem Callwey Verlag geschickt.

Callwey: Charlotte, was war dir als Fotografin in Bezug auf die Aufnahmen für das Buch wichtig?

Charlotte Schreiber: Als Fotograf sieht man die Welt cineastischer, behaupte ich einfach einmal. Ich hatte vor „Aus Liebe zum Kochen“ zwar nichts mit Food-Fotographie zu tun, entwickelte aber schnell einen künstlerischen Anspruch. Mir war es wichtig, den Moment einzufangen und in den Bildern eine atmosphärische Szenerie sprechen zu lassen. Dieser Wunsch sollte aber auch für das gesamte Projekt gelten: Kein vorbereitetes Styling, keine Vorschriften an unsere Foodies, dafür sollte die Bildsprache aber natürlich, unaufdringlich und schön sein. Vor allem bei den Porträts war es mir wichtig, sie auf Film zu fotografieren. Damit erhält man nicht nur eine besondere Ästhetik, sondern drückt auch den Fotografierten gegenüber eine gewisse Wertschätzung aus.

Callwey: Die Geschichte von Jürgen, der eigentlich Marketingchef einer Bank ist, sich aber noch zusätzlich zum Speiseeishersteller ausgebildet hat, beschreibt ganz genau, was Foodies eigentlich sind. Vom Banker zum Eismann – denkt ihr, leidenschaftliche Köche, Esser und Genießer haben in unserer heutigen Zeit große Chancen, das Hobby zum Beruf zu machen?

Yvonne Niewerth: Die Chance, sein Hobby zum Beruf zu machen, ist immer gegeben. Momentan tun sich immer mehr Nischen dafür auf. Das kann tatsächlich auch die Eisherstellung sein, die Außergewöhnliches entwickelt. Ich glaube, in der Kulinarik gibt es momentan seitens der Konsumenten und Produzenten eine große Offenheit Neuem gegenüber. Gleichzeitig untersteht dieser Trend multikulturellen Einflüssen. Unser Beispiel aus dem Callwey Buch „Aus Liebe zum Kochen“ ist Fräulein Kimchi, die süddeutsche Gerichte mit koreanischer Küche kombiniert.

Charlotte Schreiber: Hinzu kommt, dass die meisten Menschen gewillt sind, für gutes Essen auch gutes Geld zu zahlen. Das Bewusstsein für Essen und Produkt- und Herstellungsqualität wird immer größer.

Callwey: Man könnte gleich von einem Kochbuch mit multikulturellen Einflüssen sprechen. War das von Anbeginn beabsichtigt?

Yvonne Niewerth: Jein. Es war zumindest kein maßgeblicher Ansatz. Wir haben nicht nach Küchen, sondern nach Personen mit unterschiedlichen kulinarischen Ansätzen gesucht, nach Profis und Amateuren gleichermaßen. Automatisch stolpert man aber über die kulturellen Einflüsse.

Callwey: Seid ihr denn selbst auch Foodies? Was sind eure Kochphilosophien?

Charlotte Schreiber: Meine alltägliche Kochphilosophie bestimmt eine Biokiste, die ich von einem benachbarten Bauern abonniert habe. So ist das Gemüse auf meinem Speiseplan gewissermaßen vorbestimmt. Das meiste Essen bereite ich selbst zu, angefangen bei Hamburgerbuns bis zum Müsli. Als Foodie würde ich mich dennoch nicht bezeichnen. Bei all der ungebremsten Leidenschaft unserer Foodies, wollte ich mich nicht mit ihnen auf eine Stufe stellen.

Yvonne Niewerth: Da möchte ich mich anschließen. Bei mir wird es auch simpel auf dem Teller. Einfach ist aber nicht unbedingt schlechter, habe ich festgestellt. Drei Zutaten können in einer Gericht genauso bombastisch schmecken wie ein akribisch und in stundenlanger Arbeit hergestelltes Menü.

Callwey: Also dürftet ihr auch von „Geschmacksexplosionen“ berichten?

Charlotte Schreiber: In den sechs Monaten Arbeit an unserem Buchprojekt haben wir extrem gut gespeist. Jeder Besuch und jedes Gericht haben bestimmte Geschmackserinnerungen zurückgelassen. Überall wurden wir mit so viel Herzlichkeit empfangen, dass jedes Gericht zu etwas Besonderem wurde. Ein persönliches Highlight war aber der Auberginen-Schokoladen-Auflauf von Achille.

Yvonne Niewerth: Eines meiner persönlichen Lieblingsgerichte waren die türkischen Mezze von Koral – wunderbar würzig und säuerlich! Ähnlich gut auch die ‚Jaozi‘ von Ashlee beim Mother’s Mother Supperclub, weil sie mit viel Essig und Sojasoße zubereitet wurden. Ich würde sagen, die besonders würzigen Gerichte haben mir am Besten geschmeckt. Nichtsdestotrotz hab ich es sehr genossen, überall die Finger drin gehabt zu haben und alles aufessen zu dürfen.

Textredaktion: Helena Pivovar