1. Wem würden Sie das Buch Vergessene Heldinnen besonders empfehlen?
Meine Heldinnen und ihre Lebensläufe sind sicher nicht nur für Frauen interessant. Es soll eben kein „Frauenbuch“ sein, sondern ein Menschenbuch. Und mich würde freuen, wenn die junge Generation es liest und sich von diesen couragierten Frauen inspirieren lässt. Vielleicht darüber staunt, dass vor gar nicht allzu langer Zeit Frauen das Hochschulstudium verwehrt war. Dass die Herrschaft über weibliche Sexualität ihren Vätern und Männern oblag, die Töchter als Heiratsgut sahen, das möglichst gut aussehen sollte und unberührt zu sein hatte. Von Ideen, lesbisch leben zu wollen, gar nicht zu reden! Wir sind seitdem einen weiten Weg gegangen, aber historisch betrachtet ist er nur ein Zentimeter!
2. Wer ist Ihre persönliche Lieblingsfigur im Buch?
Oh je, das ist schwer zu sagen. Jede einzelne Protagonistin hat mich bewegt und beschäftigt. Wie die hoch begabte Chemikerin Clara Immerwahr, die in ihrer so unglücklichen Ehe mit dem Chemiker und späteren Nobelpreisträger Fritz Haber seelisch abstürzte und sich im Garten ihres Berlin Hauses erschoss. Oder die wunderbare New Yorkerin Betty Halbreich, die als Personal Shopperin im Kaufhaus „Bergdorf Goodman“ eine Legende war. Leider ist sie kurz vor Beginn meiner Recherchen gestorben, ich hätte sie so gerne besucht! Ihre Assistentin Maria Kardaras, die ich dann interviewte, sagte mir: „Betty would have loved you!“, und ich sah mich im Geiste mit der hoch betagten alten Dame in ihrem Büro mit den berühmten Orchideen sitzen. Und über ihre deutschen Wurzeln, Kleider und das Leben sprechen.
Aber wenn ich wählen müsste: Da ich selber eine begeisterte ehrenamtliche Chordirigentin bin, hat mich das Schicksal von Antonia Brico aus den USA besonders berührt. Dieses hoch begabte, misshandelte Pflegekind, das der Musik verfallen war, wollte ab den 1930er Jahren eine Weltkarriere am Dirigierpult machen und startete tatsächlich bei den Berliner Philharmonikern! Aber letztlich scheiterte sie daran, weil sie eine Frau war. Sie galt den Kritikern als Freak, wurde von männlichen Musikern diskriminiert, sie bekam nie ein festes gutes Engagement. Sie wurde einfach 50 Jahre zu früh geboren. Ich stelle mir gerne vor, wie es für sie war, 1930 vor den Berliner Philharmonikern zu stehen. Einzuatmen, Blickkontakt zu den Musikern aufzunehmen. Die Arme zu heben, den Einsatz zu geben. Sie wollte an die Spitze. Schließlich landete sie in Denver! Auch wenn sie spät, nach einem Film über sie, zu neuem partiellen Ruhm kam, diesen Moment wie 1930 in Berlin, den hat sie wohl nie wieder erlebt. Heute gibt es zwar Raum für Dirigentinnen, aber da ist noch extrem viel Luft nach oben! Ich warte auf den Moment, wo bei einer Dirigentin nicht mehr erwähnt wird, dass sie – echt? – eine Frau ist!
3. Welche der vorgestellten Frauen hätten Ihrer Meinung nach heute ein anderes öffentliches Ansehen, wenn sie in unserer Zeit gelebt hätten?
In meinem Buch kann man erkennen, wie unterschiedlich ausgeprägt Diskriminierung von Frauen war – aber auch, wie unterschiedlich hart jede davon getroffen wurde und was sie daraus machte. Die Politikerinnen Annemarie Renger und Elly Heuss-Knapp etwa segelten dennoch sehr souverän durch ihre Leben und erreichten Großes. Auch die Modedesignerin Madeleine Vionnet war zu ihrer Zeit in ihrer Szene ein bekannte Frau, so wie Natalie Clifford Barney mit ihrem Pariser Salon.
Dann gibt es wirklich die grauenvoll abgeschnittenen Lebensläufe: Die englische Mathematikerin Ada Lovelace, 1815 geboren, würde heute vielleicht in Oxford oder Cambridge lehren. Die Frauenrechtlerin Lida Gustava Heymann würde man nicht mehr von der Polizei bespitzelt sehen und man könnte sie auch nicht des Landes verweisen! Sondern sie wäre vielleicht Ministerin wie Bärbel Bas, die mir für das Kapitel über die erste Bundestagspräsidentin Annemarie Renger ein Interview gegeben hat. Die Autorin Elsa Asenijeff würde wahrscheinlich viel leichter Verlage für ihre Texte finden, weil über emanzipatorische Themen schreibende Frauen heute nicht mehr als merkwürdig, geschweige denn „verrückt“, gelten. So kann man das bei vielen Frauen weiterdenken. Ein „Was wäre, wenn…“ ist zwar reine Spekulation, aber es schon ein schönes Gedankenspiel.
4. Wie definieren Sie für sich eine „Heldin“?
Heldin-Sein hat für mich vor allem mit Mut zu tun. Die Courage, neue, unbekannte, unsichere Wege zu gehen. Für etwas einzustehen, was die Mehrheit nicht will. Oder hören will. Von dem man aber selbst überzeugt ist. Seine Stimme zu erheben, gerade wenn man nicht mit Applaus rechnet. Schließlich: Das eigene Leben zu riskieren. Aktuell denke ich an Julija Nawalnaja, die Witwe des in russischer Haft gestorbenen russischen Oppositionspolitikers Alexei Nawalny. Und die vielen Frauen in Iran, die für die Bewegung „Frau.Leben.Freiheit“ immer noch auf die Straße gehen. Über sie habe ich ja in meinem letzten Callwey-Buch geschrieben.
5. Was haben die Heldinnen im Buch vielleicht gemeinsam?
Dass sie von einem inneren Motor getrieben wurden. Dass sie einen Beruf, eine Berufung verfolgten! Egal ob in der New Yorker Werbebranche wie Mary Wells Lawrence, auf der Opernbühne wie die Sängerin Camilla Williams, wie die Tänzerin Isadora Duncan, die ein ganz neues Körpergefühl zeigte und die Gesellschaft damit schockte und faszinierte. Sie alle wollten ihr Leben eben anders gestalten wollten als in dem Rahmen, der ihnen von der Gesellschaft zugeordnet worden war. Und diese persönliche Innovationslust, eine starke Kreativität, das Ausleben der eigenen Talente — das ist doch eine wunderbare Lektion für nachfolgende Generationen. Nicht nur für Frauen!
6. Was wünschen Sie sich, dass Leserinnen und Leser nach der Lektüre mitnehmen?
Es ist vielleicht etwas vermessen, sich überhaupt so etwas zu wünschen. Denn als Autorin entlässt man mit Abgabe des Manuskripts und dem OK zum Druck sein Buch in die Freiheit. Und dann kann jeder damit machen, was er oder sie will. Aber wenn ich mir etwas wünschen darf, dann ist es vielleicht eine erhöhte Aufmerksamkeit gegenüber Errungenschaften von Frauen, die vor uns gelebt haben. Und eine Sensibilität gegenüber einem brutal dominierenden Sexismus, der Frauen lange davon abgehalten hat, dieselben Berufe und Machtpositionen wie Männer auszufüllen. Wir spüren diese Auswirkungen ja bis heute, ganz praktisch und auch in Mentalitäten.
Geschichte wurde eben nicht nur zu 95 Prozent von Männern geschrieben, so wie wir es lange gelernt haben, denken Sie an Ihren Schulunterricht! Cäsar, Karl der Große, Friedrich der Große, George Washington, Napoleon, Bismarck, Adenauer! Da tauchte nur mal kurz Kaiserin Maria Theresia auf! Wenn ich in mein langes Regal mit historischer Studienliteratur schaue: Alle Bücher von Männern geschrieben oder herausgegeben! Nur ein paar Aufsätze sind von Wissenschaftlerinnen. Mein Buch über die vergessenen Heldinnen kann vielleicht ein Impuls sein, all die vielen neuen anderen Bücher zu lesen oder Filme zu sehen, die sich mit der Rolle von Frauen in der Geschichte beschäftigen. Abseits der sogenannten „großen“ Politik. Da gibt es so vieles zu entdecken! Ein ganz neues Feld öffnet sich. Es ist faszinierend.

